Interaktiv

Neun Schülerinnen und Schüler des Schwerpunktfachs Bildnerisches Gestalten der Kantonalen Mittelschule Uri haben im Gruppendialog Installationen, Fotografien und Skulpturen zum Prinzip «interaktiv» entwickelt. Die Resultate werden in der Galerie Niedervolta der energieUri in Altdorf nun öffentlich sichtbar.

Jedes Kunstwerk ist interaktiv. Die Kunstschaffenden kommunizieren durch ihr Werk mit den Betrachterinnen und Betrachtern und diese bringen ihre Lebenserfahrung, ihre Kultur, ihre Stimmung und ihr Wissen in ihre Interpretation ein. Jedes Kunstwerk generiert so viele Interpretationen, wie es Zuschauende wahrnehmen. Es besteht eine direkte Beziehung zwischen dem Kunstwerk und den Betrachtenden. In gewissen Bildern wird das Publikum direkt adressiert: In «Las Meninas» von Diego Velasquez (1656), steht das Königspaar an derselben Stelle wie das Publikum (siehe Spiegel). In den 1910er-Jahren begannen Kunstschaffende sich von der Idee des Kunstwerks als mit handwerklichem Geschick gefertigtem Gegenstand zu entfernen (Ready-Made, Marcel Duchamp). In den 1960er-Jahren ging diese Entwicklung in eine neue Runde: In der Minimal-Art, der Landart oder der Performance-Art nahm die Idee Überhand über das Resultat. Die Werke wurden immateriell oder schrieben sich direkt in die Natur ein. In den 90er-Jahren interagierten die Kunstschaffenden direkt mit den Menschen. Der französische Kunstkritiker Nicolas Bourriaud beschrieb diese Kunstrichtung in seinem kunsttheoretischen Werk «Relational Aesthetics» (1998) als «eine Reihe künstlerischer Praktiken, deren theoretischer und praktischer Ausgangspunkt (…) die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und ihr sozialer Kontext ist».
Ausgehend von der bis Anfang März 2026 im Kunsthaus Zürich gezeigten Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark (1920-1988), haben die Schülerinnen und Schüler des Schwerpunktfachs Bildnerisches Gestalten der kantonalen Mittelschule Uri in vier Gruppen unterschiedliche künstlerische Positionen zum Begriff «interaktiv» entwickelt. Aaron Hediger und Liam Betschart sind losgezogen und haben Bekannte und Unbekannte zum Thema «interaktiv» interviewt. Schwarz-weiss-Fotografien und Tonaufnahmen zeugen von den Felduntersuchungen. Lejla Musliu und Rubina Zberg setzen die Formen intersubjektiver Interaktion figürlich um. Menschen umarmen sich, halten die Hände, lehnen sich aneinander. In der Skulptur von Jana Spiess und Melina Arnold hingegen reflektieren sich die Betrachtenden gleich mehrfach in den Spiegelfragmenten und ihr Bild wird so in das Kunstwerk einverleibt. In der Rauminstallation von Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer wird das Publikum eingeladen, inspiriert von drei Zitaten, direkt zu intervenieren und das Kunstwerk mitzugestalten.

Saaltexte:

ReflAction
Die Skulptur «ReflAction» besteht aus zahlreichen, unregelmässigen Spiegelstücken, die zusammen eine vielschichtige Form ergeben. Abhängig vom Blickwinkel entstehen immer neue, individuelle Reflexionen, die von der Umwelt beeinflusst werden. Die Oberfläche lädt dazu ein, sich ihr zu nähern, sich und sein Umfeld zu betrachten und sich im Spiel der Spiegel neu zu entdecken.
Durch die Spiegelung wird der Betrachter selbst zum Teil des Kunstwerks. Daher gibt es keinen stabilen, objektiven Eindruck, da die Wahrnehmung von der Position und der Bewegung der betrachtenden Person abhängt. Die Skulptur thematisiert damit Fragen von Identität, Selbstwahrnehmung und Perspektive. Der Betrachter sieht sich selbst in verzerrten, zersplitterten und veränderbaren Versionen seiner selbst, wodurch bewusst wird, dass das Selbstbild vielschichtig, instabil und wandelbar ist.
Die Absicht hinter dem Werk «ReflAction» ist es, die Grenze zwischen Kunstwerk und Publikum aufzulösen. Das Publikum soll das Werk nicht nur betrachten, sondern aktiv erleben und sich damit auseinandersetzen. Erst durch die Bewegung, Präsenz und Wahrnehmung des Publikums entfaltet die Skulptur ihre volle Wirkung,
Somit steht «ReflAction» in direktem Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema «Interaktiv». Das Werk existiert nicht unabhängig vom Publikum, sondern wird durch dessen Teilnahme ständig neu geschaffen. Es ist ein Zusammenspiel von Kunst, Umwelt und Mensch, das sich fortlaufend verändert.
Melina Arnold und Jana Spiess

Von Worten zu Taten
Die Installation besteht aus einem durch Vorhänge abgetrennten Kammer. Dadurch entsteht ein Raum im Raum. In diesem werden die Betrachtenden selbst zu Kunstschaffenden: Inspiriert von Zitaten, die auf die Vorhänge gedruckt sind, gestalten sie mithilfe von Knete ihr persönliches Werk. Anschliessend kann das fertige Kunstwerk in einem dafür vorgesehenen Schrank ausgestellt werden.
So entsteht zunächst eine Interaktion zwischen den Betrachtenden und den Zitaten, die als Inspirationsquelle dienen. Diese Interaktion wird weitergeführt, indem die Betrachtenden ihr eigenes Werk erschaffen und anschliessend präsentieren. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, auf bereits vorhandene Kunstwerke zu reagieren oder diese als zusätzliche Inspiration zu nutzen. Die Installation entfaltet ihr volles Potenzial erst dann, wenn viele Betrachtende sich von den Zitaten mitreissen lassen, eigene Kunstwerke schaffen und diese auch ausstellen. Auf diese Weise wird die Installation lebendig und erfüllt ihr Ziel, zu zeigen, dass jede und jeder zum Kunstschaffenden werden kann.
Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer

Stimmen im Rahmen
Was bleibt von einer Begegnung, wenn die Struktur zerbricht? Der Ausgangspunkt dieser Arbeit war eine Reihe von persönlichen Interviews, in denen wir den Teilnehmenden drei zentrale Fragen stellte:
• Was bedeutet es für dich, mit einem anderen Menschen wirklich in Kontakt zu treten?
• Was würdest du tun, wenn dich niemand hören könnte?
• Was ist das Erste, das du tust, wenn du einen Raum voller Menschen betrittst?
In diesen Gesprächen entstand eine unerwartete Offenheit. Es entwickelte sich eine Dynamik, in der die Grenzen zwischen Interviewer und Befragten verschwammen und das Gesprochene weit über eine einfache Antwort hinausging.
Das Werk «Stimmen im Rahmen» isoliert diese Stimmen nun aus ihrem ursprünglichen Gefüge. Die Audio-Antworten wurden bearbeitet, in einzelne Sätze zerlegt und in einer zufällig gemischten, nicht chronologischen Reihenfolge anonym präsentiert. Die ursprünglichen Fragen werden dabei nicht mit abgespielt, wodurch der gesprochene Text in einem neuen, abstrakten Kontext erscheint und möglicherweise keinen unmittelbaren Zusammenhang mehr ergibt.
Dadurch entsteht ein Raum, in dem das Gesprochene eine neue, eigenständige Dynamik entwickelt. Diese akustische Collage wird begleitet von bearbeiteten Schwarz-Weiss-Fotografien. Durch die Konvertierung und den Fokus auf Details oder Ausschnitte wird der Blick auf Momente gelenkt, die das Unausgesprochene visuell untermauern.
Die Installation lädt die Besuchenden dazu ein, selbst Teil dieses interaktiven Prozesses zu werden und die Bruchstücke im eigenen Kopf zu einer neuen Geschichte zusammenzufügen.
Liam Betschart und Aaron Hediger

Einsamkeit - Zweisamkeit
Ein begehbares Bild, zusammengesetzt aus 90 einzelnen Flächen, entfaltet sich zu einem grossformatigen Raum. Die Installation zeigt Menschen in Begegnung, im kollegialen Händedruck, im familiären Miteinander, in stillen Momenten der Nähe. Die Betrachten-den sind eingeladen, in diesen Raum einzutreten und das Werk visuell zu erfahren. Durch das Tragen von Brillen mit Farbfiltern verändert sich die Wahrnehmung grundlegend: Die blaue Brille lässt einzelne Figuren verblassen und erzeugt ein Gefühl der Einsamkeit. Mit der roten Brille hingegen wird die dargestellte Szene vollständig sichtbar in einem Zu-stand der Zweisamkeit und Verbundenheit.
Interaktion wird hier doppelt verstanden: als dargestelltes Motiv und als unmittelbare Erfahrung. In Anlehnung an die Arbeiten von Pipilotti Rist und Olafur Eliasson entsteht ein Werk, das ohne Beteiligung unvollständig bleibt.
Die Installation versteht sich als Einladung zur Reflexion: Wie verändert sich unser Erle-ben durch Nähe und wie durch Isolation? Und wie bewusst nehmen wir die Menschen um uns herum wahr? Es erinnert daran, dass menschliche Interaktion unser Leben prägt und dass Zweisamkeit oft erst im Kontrast zur Einsamkeit spürbar wird.
Rubina Zberg und Lejla Musliu






26.3.-6.4.2026
Exhibition: Installation, Sculpture, Photography
Galerie Niedervolta EnergieUri Altdorf



Interaktiv Info und Auftrag

Melina Arnold und Jana Spiess, ReflAction, 2026, Skulptur, Spiegelfragmente, Holzstruktur, ca. 50 x 40 cm
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Melina Arnold und Jana Spiess, ReflAction, 2026, Skulptur, Spiegelfragmente, Holzstruktur, ca. 50 x 40 cm

Melina Arnold und Jana Spiess, ReflAction, 2026, Making of
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Melina Arnold und Jana Spiess, ReflAction, 2026, Making of

Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel
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Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel

Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel
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Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel

Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel
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Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel

Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Making of
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Laura Gisler, Lisa-Sophia Kies und Noel Kummer, Von Worten zu Taten, 2026, Making of

Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Fotografie, ca. 20 x 10 cm
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Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Fotografie, ca. 20 x 10 cm

Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Fotografie, ca. 20 x 10 cm
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Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Fotografie, ca. 20 x 10 cm

Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Making of
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Aaron Hediger und Liam Betschart, Stimmen im Rahmen, 2026, Making of

Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel
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Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel

Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht,  Grösse variabel
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Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel

Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht,  Grösse variabel
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Rubina Zberg und Lejla Musliu, Einsamkeit - Zweisamkeit, 2026, Installationsansicht, Grösse variabel