Hortus conclusus, die Illusion des Paradieses

Endlich freie Bewegung, endlich real existierende Kunst! Jedoch die erste Kulturreise nach dem eingeschlossen sein, führt mich in die Villa dei Cedri in Bellinzona, deren Park von einer Mauer umringt ist. Paradoxerweise, da diese in sich weilende und nach aussen verbarrikadierte Architektur derzeit die zur allgemeinen Lage treffende Ausstellung „Hortus conclusus“, der geschlossene Garten beherbergt.

Der Gastkurator Marco Costantini, seines Zeichens Kurator im Mudac (Musée de Design et des Arts appliquées, Lausanne) hat sich einerseits am Bild der Maria im geschlossenen Garten und andererseits am Mythos „Raub der Europa“ inspiriert und sucht Parallelen zu heutigen Thematiken wie Ausgrenzung und Inklusion, Migration, Kulturaustausch, Schutz und Abschottung in der Gegenwartskunst. Die Ausstellung entwickelt sich sowohl in der Villa, als auch in ihrem geschützten Garten, ihrem „Hortus conclusus“. Das Paradox jeder geschlossenen Mauer verfolgt uns durch die Ausstellung: Schutz auf der einen Seite, Ausgrenzung auf der anderen. In den Klöstern fand der geschützte Garten Verwendung zur Nahrungsproduktion und medizinischen Versorgung und diente gleichwohl der religiösen Meditation und Kontemplation. Heute werden Mauern nur noch zur Ausgrenzung gebaut. Seit 1989 die Berliner Mauer fiel, wurden an den Aussengrenzen Europas über 1000 km Mauern errichtet, von Mexiko und Israel abgesehen. Mehrere Künstler setzen sich mit dem Thema der Grenze und der Migration auseinander. Adrien Missika lässt in seinem Video „Coyote Flies“ eine Drohne im Zickzack über die Wüstengebiete an der Mexikanisch-amerikanische Grenze fliegen und Armaik Lou Pitteloud zieht mit Kreide eine gerade Demarkationslinie durch den Park der Villa. In der Fotografie „La vièrge et l’enfant“ von Pierre et Gilles, sitzt die tunesisch-algerische Schauspielerin Hafsia Herzi mit dem Kind im Arm auf einer Strassensperre, umringt von Mechanikmüll. Mustafa Sabagh hat Migranten am Strand „Made in Italy“ porträtiert und Laura Henno lässt Migrant*innen fiktive Migrationsgeschichten erzählen. Alain Huck installiert im Park sein Werk „Tentation“: von der prekären Hütte im Migrantencamp ist einzig die nackte Quaderstruktur übrig geblieben. Europa als Hortus conclusus, als Illusion des Paradieses. Aber die Illusion muss Illusion bleiben, denn der Schutz der einen bedeutet den Ausschluss der Anderen. Das Geschlossene widerspricht der Transparenz und Offenheit auf unmissverständliche Art und Weise.



3.6.-8.11.2020

Villa dei Cedri, Bellinzona

Annaïk Lou Pitteloud, Limit of control, 2020, Gips, a. 210 Meter, variable Grösse, Foto: Pierre Maulini
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Annaïk Lou Pitteloud, Limit of control, 2020, Gips, a. 210 Meter, variable Grösse, Foto: Pierre Maulini

Pierre et Gilles (Pierre Commoy und Gilles Blanchard), La Vierge à l’enfant (Hafsia Herzi & Loric), 2009, Fotografie, Inkjet auf Leinwand und Ölfarbe. Courtesy the artists & Galerie Templon Paris/Bruxelles
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Pierre et Gilles (Pierre Commoy und Gilles Blanchard), La Vierge à l’enfant (Hafsia Herzi & Loric), 2009, Fotografie, Inkjet auf Leinwand und Ölfarbe. Courtesy the artists & Galerie Templon Paris/Bruxelles