James Barnor: Accra/London – A Retrospective

Ein potenter und zweifellos verdienter Triumphzug, den der 93-jährige ghanaische Fotograf James Barnor derzeit durch die westlichen Institutionen hinlegt: seine 2021 von den Londoner Serpentine-Galleries kuratierte Retrospektive wird nächstes Jahr im amerikanischen DIA Detroit Center of the Arts Halt machen und ist derzeit im MASI Palazzo Reali in Lugano zu entdecken. Aus seinem Archiv von 32000 Fotografien sind 200 Bilder ausgewählt worden, welche alle Sparten – Porträt, Fotojournalismus und Modefotografie, schwarz-weiss und Farbe sowie alle Orte – Accra und London – seiner über sechs Jahrzehnte dauernden leidenschaftlichen Praxis repräsentieren. Die Bilder des quirligen und neugierigen Fotografen sprühen vor Lebensfreude und Energie und geben perfekt die enthusiastische Stimmung seiner Zeit wieder. Als junger Autodidakt begleitete er die Unabhängigkeitsbewegung Ghanas, welches sich 1957 als erstes westafrikanisches Land von Grossbritannien befreit hat. Ab 1959 dokumentierte er die afrikanische Diaspora in London inmitten der allgemeinen Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre und der aufstrebenden politischen Bewegungen des Antikolonialismus, des Black Liberation Movements und der Frauenbewegung.

Die Fotografien von James Barnor beschränken sich nicht darauf, seine Sujets abzubilden, sondern sie inkarnieren das Empowerment der afrikanischen Bevölkerung und das Desimpowerment der Kolonialmächte und ihrer Repräsentanten. Wirken die ersten Studioporträts seines Fotostudios «Ever Young» Anfang der fünfziger Jahre noch gestellt, etwas steif und traditionell arrangiert, werden seine Aufnahmen mit der Zeit immer bewusster gestaltet und entwickeln eine klare skulpturale Wirkung. Die junge Frau mit den gedrehten Zöpfchen und den sternförmigen Haarscheiteln am Hinterkopf wurde in einer ungewohnten dreiviertel Pose von schräg hinten abgelichtet. Ihr Oberkörper und ihr Kopf füllen den Bildraum mächtig aus. Ein wunderbares Beispiel auch für das Spiel des Lichts auf der dunklen Haut, welches Barnor über lange Zeit perfektioniert hat. Beachtlich sind auch seine auf den Millimeter gezeichneten Kompositionen: oft das Bild mit einer geschwungenen Linie durchquerend. Oder die Schnappschüsse der Figuren, welche just während eines Luftsprungs oder eines Balanceakts fixiert worden sind. So das Kleinkind, welches seinen Körper auf allen Vieren nach oben stemmt. Durch seinen exakten Blick, seine perfekte Technik und seine Experimentierfreudigkeit offenbart James Barnor uns das Leben eines jungen und von Energie strotzenden Kontinentes. Eine verdichtete ästhetische Erfahrung mit anhaltendem Erkenntniswert.



13.3.-31.7.2022
Foto_Exhibition
Masi Palazzo Reali Lugano


Published in
Kunstbulletin 6/22


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James Barnor, Baby on All Fours, Eric Nii Addoquaye Ankhra, Ever Young Studio, Accra, ca. 1952. Silbergelatine-Druck. Copyright: James Barnor. Courtesy galerie Clémentine de la Féronnière, Paris
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