Le studio d’Orphée

Nach jahrelangem, geduldigem Insistieren hat es Miuccia Prada geschafft, den Erfinder der Nouvelle Vague und Meister des Cinéma Pensée, Jean-Luc Godard dazu zu überreden – trotz seiner strukturellen Antipathie gegen Museen – in der Fondazione Prada in Mailand eine Dauerausstellung zu konzipieren.

Idee und formale Umsetzung der multimedialen Installation entsprechen voll und ganz dem Arbeitsansatz und der Struktur von Godards Universum: Indem der Genfer Filmemacher sein Atelier tel quel ins Museum verpflanzt, installiert er eine Collage mit seinen bedeutungsvollsten Gegenständen und Bildern im Raum und unterstreicht damit die Wichtigkeit des handwerklichen Aspekts in seinem Métier als Regisseur und in der Condition Humaine überhaupt. Sein letzter, in Cannes preisgekrönter Film, ist eine Bibel der Bilder, ein multimediales Feuerwerk aus dicht verwobenen und überblendeten Filmausschnitten, Tonsequenzen und Kunstwerken und wird direkt ab Final Cut auf einen gigantischen Bildschirm im Raum übertragen. Das testamentarische Werk beginnt bedeutungsträchtig mit dem Satz: „La vraie condition de l’homme, c’est de penser avec les mains.“ Das Denken ist ein handwerkliches, konstruktives, welches sich in den ständig beweglichen Formen der menschlichen Kultur und schliesslich in der 7. Kunst selber verwebt und immer wieder auflöst. Das Nachdenken über die Bilder der Realität als gemachte Bilder gestaltet sich formal in einer artikulierten Collage digital bearbeiteter Filmausschnitte, schwarzer Leerräume und überlagerter Ton- und Satzfragmente. Die Kontraste werden radikalisiert, die Farben saturiert, die Abläufe verlangsamt oder beschleunigt, das Licht überblendet, Elemente wiederholt und der Ton verschwommen im Echo. Die grossen Themen der Menschheit, wie Krieg, Gewalt, Massenvernichtung, Kampf, Migration, Liebe, Trauer, Treue und Verrat verschieben sich so von einer narrativen auf eine abstrakte, bildnerische und schliesslich denkerische Ebene und lösen als offenes, dichtes Kaleidoskop freie und eigene Gedankenströme bei den Zuschauenden aus. Das Layout der sorgfältig ausgewählten und platzierten Gegenstände im Raum repräsentiert gleichermassen als Montage das offene Denkmaterial des Regisseurs, die Bedingung der handwerklichen Konstruktion seines Werkes. Ein Kino, welches über die Welt, sich selber und über den Bezug der Darstellung zum Dargestellten nachdenkt. „L’acte de representer implique presque toujours de la violence envers l’objet representé“ hören wir die schon etwas entrückte und heisere Stimme des 89-jährigen Regierevolutionärs sagen.



Permanent Exhibition since 14.12.2019
Installation
Fondazione Prada Milano


Published in
Kunstbulletin 7-8/2020


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Je vous salue Marie
Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada
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Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada

Jean-Luc Godard, Foto: Niccolò Quaresima
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Jean-Luc Godard, Foto: Niccolò Quaresima

Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada
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Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada

Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada
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Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada

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Jean-Luc Godard, “Le Studio d’Orphée”, Fondazione Prada, Milano, Foto: Agostino Osio - Alto Piano, Courtesy Fondazione Prada